Predigt von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, zur Tausendjahrfeier der Stiftung der Marienkirche in Bochum-Stiepel am 6. April 2008

 

Hochwürdigster Herr Abt,

liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,

liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!

 

1.   Wer keine Herkunft hat, der hat auch keine Zukunft. Niemand in unserem Land hat eine so reiche und lange Herkunft wie wir als Christen. Und darum hat auch niemand eine solche gesegnete Zukunft wie wir als Christen. Deshalb haben wir allen Grund zu Selbstbewusstsein und einem demütigen Siegesbewusstsein. Wir sind nicht die letzte Nachhut des Mittelalters, gleichsam die letzten der Mohikaner, sondern wir sind vielmehr die erste Vorhut einer Zukunft, von der viele Menschen heute überhaupt noch keine Ahnung haben. Der heilige Bruno von Köln, der Gründer des Kartäuserordens, schrieb über die Pforte jedes seiner Klöster das unvergessliche Wort: „Crux stat, dum volvitur orbis“ – „Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht“. Der Herr hat seiner Kirche das Kreuz eingestiftet, damit sie in allem Auf und Ab der Geschichte der Völker über das notwendige Standvermögen verfügt.

 

      Als ich vor fast 60 Jahren aus unserer kleinen thüringischen Diasporagemeinde aufbrach und ins Priesterseminar ging, kam ein älterer Herr zu mir, den wir immer nur respektvoll „unseren Major“ nannten. Er schlug mir mit seiner großen Hand auf die Schultern und sagte: „Ich gratuliere dir! Ich musste als Berufssoldat in meinem Leben dreimal die Fahnen wechseln. Ich habe unter den Österreichern angefangen, dann kamen die Tschechen, und dann diente ich unter der  deutschen Fahne. Du dienst einem Feldherrn, da brauchst du nie die Fahnen zu wechseln, denn das Kreuz, die Fahne des Herrn, bleibt immer!“

2.   Die Berufung der Christen und damit der Kirche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft heißt Lobpreis und Anbetung. „Cogito ergo sum“, sagt der französische Philosoph Descartes, d.h. „Ich denke, also bin ich“. Er definiert menschliches Dasein nur durch das Denken. Der Mensch ist aber mehr als nur Denken und Gedanke. Und wenn er eines Tages durch Krankheit sein Denkvermögen verliert, bleibt er doch noch ein Mensch. Wir dürfen als Christen im Hinblick auf unsere Berufung sagen: „Magnificat anima mea Dominum!“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn! Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.“ Ich singe das Gotteslob, also bin ich. Der hl. Ignatius von Loyola sagt: „Der Mensch ist dazu da, um zu loben“. Entweder lobt er Gott oder er lobt sich selbst und seine eigene Leistung. Sie wissen alle, welche unangenehme Eigenschaft Eigenlob hat. Das Gotteslob macht den Menschen froh und frei.

 

      Wir danken Gott heute, dass seit 1000 Jahren an diesem Ort das Gotteslob gefeiert und die Gottesmutter verehrt wird, indem der heilige Heribert von Köln die Marienkirche hier gestiftet hat. Indem wir heute die Reliquie des heiligen Heribert in die Klosterkirche überbracht haben, wird diese Kontinuität ganz besonders deutlich. Dabei kommt heute gerade auf Sie als Ordensleute, aber auch auf uns alle als Christen hier in Stiepel, die besondere Aufgabe zu, dass wir das Gotteslob immer für die anderen Mitmenschen feiern, die nicht mehr wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen. Der ägyptische Josef wurde berufen um seiner 11 verworfenen Brüder willen. Josef wurde gerettet durch die Rettung seiner 11 gottvergessenen Brüder. Wir sind berufen zu Gunsten der noch nicht Berufenen. Wir werden gerettet, indem wir die anderen retten.

 

3.   Die Feier des Gotteslobes ist kein frommer Luxus, den sich die Kirche gerade noch in spirituell reichen Zeiten leisten kann. „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn!“. Das Gotteslob ist von existentieller Wichtigkeit für die Kirche, für den Christen und für den Menschen überhaupt.  Denn das Gotteslob bewegt die Menschen zum Aufstieg über sich selbst. Es hat seinen Grund allein darin, dass Gott ist.

 

      Wenn eine Frau Mutter wird, dann wiederholt sich der Mensch. Als Maria Mutter wurde, da überholte sich der Mensch, denn ihr Kind war Gott und Mensch zugleich. Und dort, wo der Mensch wie Maria „Magnificat anima mea“ singt, d.h. in das Gotteslob einstimmt, dort überholt der Mensch sich selbst. Der Sportler kommt beim Hochsprung nur über sich selbst hinaus, er kommt nur über die Messlatte, wenn er auf Höheres ansetzt als auf sich selbst, wenn er auf Höheres ansetzt als auf seine eigenen Maße. Und wenn er es dann geschafft hat, dann hört er am liebsten das Lob: „Da hast du dich aber selbst übertroffen!“ Wer glaubt und das Gotteslob feiert, der hat sich selbst übertroffen. Denn das Gotteslob bewegt den Menschen zum Aufstieg über sich selbst. Es hat seinen Grund allein darin, dass Gott ist.

 

      Darum ist Gotteslob immer und überall möglich. Solches Aufsteigen reißt den Menschen immer heraus aus dem, was gegen Gott steht. Und das sind zunächst die Götter – heute wie damals. Darum muss man Gott allein anbeten und niemand sonst. „Aber sind die Götter nicht ohnehin längst tot?“, werden wir vielleicht einwenden. Wer wach in seine Umwelt blickt, muss hier auf eine Gegenfrage antworten: Gibt es in unserer Wirklichkeit nichts mehr, was angebetet wird neben Gott oder gegen Gott? Worauf vertrauen wir? Woran glauben wir? Sind nicht Erfolg, Image, soziale Stellung und öffentliche Meinung zu Mächten geworden, vor denen sich die Menschen beugen und denen sie wie Göttern dienen? Würden unsere europäischen Gesellschaften nicht anders aussehen, wenn diese Götter vom Thron gestürzt würden? Gott ist, das bedeutet, es gibt die Hoheit der Wahrheit, es gibt die Würde des Rechts über allen Zwecken und über alle Interessen hinaus. Es gibt den unantastbaren Wert des irdisch Wertlosen, z.B. den unantastbaren Wert des unheilbar Kranken, die Würde des embryonalen Kindes. Es gibt die Anbetung Gottes selbst, sein Lob, das den Menschen vor der Diktatur der Zwecke und Zwänge schützt und allein imstande ist, ihn vor der Diktatur der Götzen zu schützen. Was entsteht hier für eine Welt? Wahrlich, hier erfüllt sich das Herrenwort: „Wie im Himmel, so auf Erden!“

 

4.   Dann erst wird unser Gotteslob wirklich befreiend sein, wenn der Grund dazu nicht mehr in den Dingen liegt, die man uns wegreißen oder die man uns aus den Händen schlagen kann, sondern wenn es in der innersten Tiefe unseres Daseins gründet, die keine Macht der Welt zu entreißen vermag, nämlich im Dasein Gottes selbst. Jeder äußere Verlust sollte uns zu einer Hinführung auf dieses Innerste werden und uns reifer machen für unser wahres Leben. Gottes Dasein ruft den Menschen im Lobpreis über sich selbst hinaus. Es befreit ihn aus aller Kleingeisterei und erhebt ihn zu Gottes Größe. „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan“ (Lk 1,49), bekennt Maria im Magnifikat. Das weiß jeder, der zum Beispiel einmal die verwandelnde Macht großer Liturgie erfahren hat. Paul Claudel, der berühmte katholische Literat in Frankreich, bekehrte sich in der Liturgie der Heiligen Nacht in Notre Dame von Paris.

 

5.   Durch das Gotteslob steigt der Mensch zu Gott auf. Loben ist selbst eine Bewegung, ist selbst ein Weg. Loben ist mehr als verstehen, wissen und tun. Die Jünger Jesu kommen zum Gebet nicht durch Argumentation, sondern durch Erfahrung, indem sie den betenden Jesus erleben: „Jesus betete einmal an einem Ort, und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: ‚Herr, lehre uns beten’“ (Lk 11,1). Das betende Gotteslob ist aufsteigend und rührt an den, der selbst im Lobgesang der Engel und Heiligen wohnt. Die Kirche in der kommunistischen Diktatur hat in erstaunlicher Weise das 70-jährige Fegefeuer ihrer Verfolgung durchgestanden, indem sie allein das zweckfreie Gotteslob gefeiert hatte. Alle anderen Möglichkeiten hatte man ihr genommen. Das immer wieder in der Liturgie vorkommende „Halleluja“ ist einfach das wortlose Sich-Aussingen einer Freude, dass Gott ist und dass er stärker ist als alle dunklen Mächte und Gewalten. Am Halleluja zerbrach die Kraft des Atheismus. Und das bleibt auch in der Gegenwart so.

 

6.   Das Singen wird dann zum Jubilus. Er ist der Klang, der zeigt, dass das Herz verkünden will, was es doch nimmer zu sagen vermag. Nur in dieser Weise feiern wir würdig und redlich das 1000-jährige Jubiläum der Stiftung der Marienkirche in Stiepel. Dieser Jubilus soll uns bewegen, all das vielleicht Kleinliche und Kleinkarierte der Geschichte der Kirche dieses Landes zu vergessen, um uns gleichsam von der Größe Gottes überwältigen zu lassen. Wir sind nicht besser als andere Menschen, aber unser Gott ist es! Der Lobgesang Gottes kommt in dieser Welt am häufigsten aus den Feueröfen der Leidenden und nicht aus den Reihen ihrer Zuschauer. Die Geschichte von den drei Jünglingen im Feuerofen enthält tiefere Wahrheiten als gelehrte theologische Traktate. Die Antwort Gottes auf diesen Lobgesang ist nicht Erklärung, sondern Tat.

 

      Diese Antwort heißt: Sympathia, Mit-leid, nicht nur als Gefühl, sondern als Wirklichkeit. Gottes Mitleid ist Fleisch geworden in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist in das Leid eingetreten, er hat sich mit uns in den Feuerofen einsperren lassen. Was das bedeuten kann, mögen wir vor den großen Bildern des Gekreuzigten oder der Pietà lernen. Vor solchen Bildern hat sich den Menschen das Leid verwandelt. Sie erfuhren, dass im Innersten ihrer Leiden Gott selbst wohnt. Darum steigt aus den Feueröfen der Leidenden das Gotteslob exemplarisch für alle auf. Der mir sehr befreundete, durch den Kommunismus im Leid erprobte verstorbene Erzbischof von Prag, Kardinal Tomaczek, sagte uns Jüngeren immer wieder: „Arbeiten ist viel, beten ist mehr, leiden ist alles“. Er wusste, wovon er sprach!

 

7.   Das  Gotteslob führt uns und andere zur Ehrfurcht. Es weckt den inneren Menschen auf, d.h. es macht sein Herz hörend und sehend zugleich. Genau das hatte der heilige Augustinus in Mailand erfahren. Hier hatte ihn das Erlebnis der singenden Kirche zu einer den ganzen Menschen durchdringenden Erschütterung geführt. Er, der Intellektuelle, der das Christentum als Philosophie schätzte, aber die Kirche als etwas Vulgäres und Gewöhnliches ablehnte und der sie nur mit einem gewissen Unbehagen zur Kenntnis nehmen konnte, wurde so auf den Weg zur Kirche und damit zu Christus gebracht. Von je her wird das Hineinreißen der Anderen ins Gotteslob für sie zur befreienden Tat im weitesten Sinne des Wortes. Es bewegt den Menschen, in das Gotteslob der Kirche einzustimmen und beizustimmen, das im Taufgelöbnis des Menschen seine bleibende Gestalt gefunden hat. Maria, die Mutter des Herrn, hat zur Weltzivilisation durch ihr großes Magnificat mehr beigetragen, als große Kulturphilosophen. Und darum sind wohl auch die schönsten europäischen Menschenbilder Marienbilder geworden.

 

8.   Wenn es wahr ist – und es ist wahr –, dass im Haushalt Gottes nichts verloren geht: Was haben Sie als Christen hier vor Ort für ein Erbe übernommen? 1000 Jahre Gotteslob und Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria, das ist ein wirkliches Unterpfand, den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu begegnen, und zwar nicht mit Stöhnen und Klagen, sondern ein wenig mit Glanz und Gloria. „Magnificat anima mea Dominum!“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn!“ Amen.

 

+ Joachim Kardinal Meisner

   Erzbischof von Köln

 



Zurück zur Startseite





Zisterzienserkloster Bochum-Stiepel - Am Varenholt 9 - D-44797 Bochum - Tel.: 0234 777050 - Fax: 0234 7770518 - Impressum